Der Weg zurück durch die Zeit beginnt direkt am Rande der Bundesstraße. Er ist nicht mehr als ein Trampelpfad; wer ihn begehen will, muß sich durch dichtes Gestrüpp aus Brennesseln, Brombeeren, Haseln und Weißdorn zwängen. An seinem Ende liegt, in einem Wäldchen, ein kleiner Teich. Das Ufer ist dicht bestanden von Pappeln und Weidenbäumen, knorrige Stämme, mit Moos und Farnen bewachsen, verwurzelt in der unscharfen Grenzregion zwischen Wasser und Land. Über uns ein dichtes Gewirr aus Ästen, herabhängend fast bis zur Wasseroberfläche, der Himmel erscheint wie durch ein Kaleidoskop. Den Teich zu umrunden, ist nicht einfach. Das dichte Uferdickicht macht ein Vorwärtskommen nahezu unmöglich, Schlamm zerrt an den Gummistiefeln, das Wasser ist trübe und mit Entengrütze bedeckt, die Uferlinie trügerisch. Wir scheinen uns in einer anderen, abgeschlossenen Welt zu befinden. Zwar ist der Verkehrslärm immer noch leise zu hören, die Straße ist vielleicht hundert Meter entfernt; und es tauchen immer wieder Relikte unserer Zivilisation auf, Flaschen, ein Einkaufswagen, Autoreifen. Dennoch übt der Ort einen Zauber aus, dem wir uns nur schwer entziehen können — „verwunschen“ ist ein Attribut, das wir häufig für im Walde versteckte Seen und Teiche verwenden. Freilich handelt es sich bei den Begriffen „Zauber“ und „verwunschener Teich“ nurmehr um Stereotypen, die in unserer heutigen, von der Vernunft geprägten Zeit ihre Bedeutung längst verloren haben; sie belegen aber den numinosen Charakter, den wir solchen Orten seit alters her zuschreiben.

Die archäologische Forschung liefert in der Tat Hinweise auf eine jahrtausendealte kultische Bedeutung der Seen, Sümpfe und Moore: an solchen Orten wurden immer wieder Depots von offenbar absichtlich niedergelegten Gegenständen geborgen. Die Art der gefundenen Dinge deutet darauf hin, daß die Niederlegung aus rituellen Gründen geschah. Unter anderem sind dies Keramikgefäße mit Speisen, Gewandfibeln, Werkzeuge und Waffen, die offensichtlich nicht für den Gebrauch angefertigt wurden, in späterer Zeit auch Münzen des römischen Imperiums (man beachte die Analogie zu dem auch heute noch gepflegten Brauch, Münzen in „Wunschbrunnen“ zu werfen!). Auch deuten Funde von Tier- und Menschenknochen auf rituelle Opfertätigkeit hin. Welchem Numen aber haben die Menschen diese Opfer dargebracht? Da die genannten Rituale in vorgeschichtlicher Zeit ihren Ursprung hatten und im Zuge der Christianisierung Europas rigoros unterbunden wurden, mithin seit mindestens einem Jahrtausend nicht mehr praktiziert wurden, existiert davon keine Überlieferung. In den Sagen, Mythen und Märchen der Völker haben allerdings Reste dieser archaischen Vorstellungswelt überlebt.

Spurensuche bei den indigenen Völkern des finno-ugrischen Kulturraumes, wo die Christianisierung erst spät eingesetzt hat: hier finden wir eine reiche Tradition von Mythen und Kulten mit Bezug auf Gewässer. Verbreitet ist der Glaube an eine weibliche Gottheit, die in Gewässern ihren Sitz hat und der Fruchtbarkeit zugeordnet wird, also dem Lebenserhalt der Menschen. So gilt bei den Mansen und Chanten der See Numto als heilig. Sein Name bedeutet „Himmels-See“, in ihm hat die oberste Göttin Kasum-imi ihren Sitz. Für diese indigenen Völker hat dies bis in unsere Zeit Bedeutung: noch im Jahre 1934 kam es an diesem See zu einem Ritualmord an Personen, die in ihm gefischt und damit den Sitz der Göttin entweiht hatten.

Bei den finno-ugrischen Völkern finden wir außerdem die Vorstellung, daß Gewässer die Grenze zu einer „Anderswelt“ bilden, einem Totenreich, in dem die Seelen der Ertrunkenen leben, welche dann als Wassergeister wiederkehren. Vor allem stille Seen mit sehr dunklem Wasser, die als unermeßlich tief gedacht werden, sollen diese numinose Eigenschaft haben. In der Vorstellungswelt der Mansen und Chanten lebt dort der Kul, ein als böse betrachtetes Geistwesen. Angehörige dieser Völker meiden solche Seen; es heißt, daß wenn man das sie bedeckende Eis im Winter betritt, man die Hörner eines riesigen Tieres an der Unterseite des Eises kratzen höre.

Das Motiv der Stillgewässer als Zugang zur Unterwelt begegnet uns auch in dem bekannten Märchen „Frau Holle“. Dort fällt die weibliche Protagonistin in einen Brunnen und findet sich, anstatt zu ertrinken, in einer Anderswelt wieder. Nachdem sie drei Aufgaben lösen muß, in denen die Fruchtbarkeitssymbolik einer Ackerbauern-Gesellschaft unschwer zu erkennen ist, tritt sie in den Dienst einer mächtigen, alten Frau — Frau Holle. Ein Numen, das in einem Gewässer seinen Sitzhat: die Parallele zu den Fruchtbarkeitsgöttinnen der Finno-Ugrier ist offensichtlich. In der Tat bietet die zeitgenössische Forschung Hinweise darauf, daß Frau Holle mit der germanischen Fruchtbarkeitsgöttin Frigg (Frija) identisch ist, das Märchen also auf einem sehr alten Mythos aufsetzt. Die Figur der Frau Holle finden wir indes nicht nur in dem Märchen; ihre Fruchtbarkeitssymbolik spiegelt sich direkt in dem Volksglauben, daß Frau Holle die Kinder bringe und die Seelen der toten Kinder bei sich berge. Der Tod mag für unser heutiges Denken im Gegensatz zur Fruchtbarkeit stehen; im Kontext der chthonischen Mythologie ist er jedoch nur ein anderer Aspekt der Erdmutter — später dazu mehr.

Im deutschen Sprachgebiet gibt es eine Reihe von Stillgewässern, die die Volksmythologie der Frau Holle zuordnet. Obwohl er eigentlich ein eher kleiner Teich ist, nimmt der Frau-Holle-Teich auf dem Hohen
Meißner unter ihnen eine herausgehobene Stellung ein. Diese verdankt er wahrscheinlich seiner besonderen geographischen Lage: in 620 Meter Höhe gelegen, ist er das höchstgelegene Stillgewässer in 50 km Umkreis, und damit dem Himmel besonders nahe. Im Volksglauben gilt er als unergründlich tief — wahrscheinlich wegen seines seit je her trüben Wassers — und es heißt, daß ein Bad in ihm unfruchtbare Frauen fruchtbar mache. Als Sitz eines mächtigen Numens gilt der Teich vermutlich schon seit sehr langer Zeit. An seinem Ufer gibt es eine Steinsetzung, die als Relikt einer germanischen Kultstätte diskutiert wurde; ebenfalls wurde aus dem 19. Jh. der Fund einer römischen Münze an seinem Ufer berichtet.

Wir sehen hier zwei sehr ähnliche Beispiele, aber aus unterschiedlichen europäischen Kulturkreisen, für die kultische Verehrung einer chthonischen Fruchtbarkeitsgöttin an einem Stillgewässer. Es ist nicht schwer, weitere Beispiele in den Mythen verschiedenster Völker auf der gesamten Erde zu finden. Auf der Suche nach den gemeinsamen Ursprüngen hilft uns der tiefenpsychologische Ansatz, der die Mythen
zurückführt auf Bilder, die von dem kollektiven Unbewußten der Menschheit erzeugt werden. Die verschiedenen Erscheinungsformen der Fruchtbarkeitsgöttin sind nach Erich Neumann Bilder des Archetyps der „Großen Mutter“ in der Ausprägung der Erdmutter. Diese ist ein ambivalentes Symbol; ihr elementarer Charakter ist der der Bewahrerin, gleichsam der dunkle Mutterschoß der Welt. Ihr zugeordnet ist die dunkle Erde, und damit das ruhende Wasser der Tiefe. Da Teiche und Seen das Wasser in sich bewahren, es in ihnen zur Ruhe kommt, gelten sie von alters her als ein archetypisch weiblich zu denkender Landschaftstyp. Das befruchtende Prinzip ist die Vereinigung des Wassers mit der Erde, die den fruchtbaren Schlamm, das Ursubstrat des Lebendigen, liefert; man beachte in diesem Zusammenhang, daß Moor, Moder und Mutter den gleichen Wortstamm haben.

Der andere Aspekt der Erdmutter ist ihr zerstörerischer Charakter. Diese Dualität hebt ab auf den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, von Leben und Tod; wobei diese nicht als Gegensätze zu denken sind, sondern als zwei Phänomene, die letztlich auf den selben Urgrund zurückgeführt werden können: die weiblich gedachte Fruchtbarkeit. „Die Erde gebärt alle Dinge, und nimmt sie wieder zurück“, sagt Euripides. Vor diesem Hintergrund verstehen wir die Rolle der Stillgewässer als Grenzregion, als Schwelle zwischen unserer Alltagswelt und jenem anderen, unbegreiflichen, das wir verdrängen und das doch so viel älter ist als wir selbst.

Laut Ernst Cassirer sind Naturgottheiten nicht als Personifikation der Naturkräfte entstanden, sondern vielmehr durch mythische Objektivation einzelner Sinneseindrücke. Gerade jene unmittelbaren Eindrücke, die auf kaum beschreibbare Weise aus dem gewohnten Strom des Naturerlebens herausragen und das Bewußtsein unvermittelt und unvorbereitet treffen, sollen demnach besonders stimulierend auf das mythische Bewußtsein wirken. Der Teich im fahlen Lichte der winterlichen Abenddämmerung: es riecht nach feuchter Erde, das leise Rauschen des Regens mischt sich mit dem Singen des Windes in den kahlen Ästen — unvermittelt ertönt der Ruf eines Wasservogels. Nach Cassirer ist es solch unmittelbares sinnliches
Erleben, in dem über die mythische Vorstellungskraft die Naturgottheiten und Elementargeister präsent werden. Wenn wir auch die Kulte und Riten um die Stillgewässer, die dort verehrten Gottheiten längst
vergessen haben: die Erfahrung der Natur mit allen unseren Sinnen sollte uns die spirituelle Energie solcher Orte, die sie für unsere Ahnenzu rituellen Landschaften machte, zu Schwellenräumen zwischen Diesseits und Jenseits, erschließen.

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, sich der spirituellen Bedeutung dieses Landschaftstyps in Bildern zu nähern. Welche Jahreszeit sollte dafür besser geeignet sein, als die dunkle Jahreszeit, der Winter? Ungefähr zwischen der Wintersonnenwende und dem Dreikönigstag liegen jene Tage, an denen das Mondjahr zu Ende ist, das Sonnenjahr jedoch noch nicht. In den alten Mythen sind sie eine Übergangszeit der kosmischen Unordnung; die Grenze zur Anderswelt verschwimmt, ein Heer von Geistern zieht über das Land, angeführt von einer schreckerregenden Göttin. Das Mittwinterfest war ein Opferfest für
jene Geister, die die Fruchtbarkeit brachten, aber auch den Tod. Es sind die dunkelsten Tage des Jahres; in der Dunkelheit bekommt das Archaische, das Unbewußte seinen Raum, kann in unser Bewußtsein
steigen und dort Bilder entstehen lassen.